Was ist das „Proteus-Syndrom“?
Was sind „asymmetrische Großwuchs-Syndrome“?

Das Proteus Syndrom ist eines von fünf asymmetrischen Großwuchserkrankungen.
Alle asymmetrischen Großwuchssyndrome sind gekennzeichnet durch einen ungleichmäßigen Großwuchs, der einzelne Körperteile und nie den gesamten Körper betrifft. So können einzelne Finger oder Zehen, eine ganze Extremität oder eine Körperhälfte vergrößert sein (auch: „regionaler oder partieller Großwuchs“ genannt). Ungefähr ein Mensch von 90 000 ist vom asymmetrischen Großwuchs betroffen.

Orthopädische maßgefertigte Schuhe nach ca. drei Monaten Benutzung (durch 8-Jährigen)

Orthopädische maßgefertigte Schuhe nach ca. drei Monaten Benutzung durch einen 8-Jährigen

In der Vergangenheit wurde bei Menschen mit einem asymmetrischen Großwuchs meist die Diagnose Proteus-Syndrom gestellt. In den letzten Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass es offensichtlich verschiedene Formen von asymmetrischem Großwuchs gibt, die nach Erscheinungsbild, Verlauf und Prognose untereinander und vom Proteus-Syndrom unterscheidbar sind. Von den 200 Berichten über das Proteus-Syndrom in der medizinischen Fachliteratur ist nach heutigen Erkenntnissen die Diagnose nur knapp in der Hälfte der Fälle gerechtfertigt – das Proteus-Syndrom scheint also noch seltener zu sein, als bisher vermutet wurde.

Es gibt Patienten, deren Merkmale sich weder dem Proteus-Syndrom noch einem der anderen asymmetrischen Großwuchs-Syndrome eindeutig zuordnen lassen und für deren Symptome noch keine Krankheitsnamen gefunden wurden.

Die Krankheitsbilder mit asymmetrischem Großwuchs haben auf den ersten Blick vielen Gemeinsamkeiten, was eine Unterscheidung schwierig macht.

Häufige gemeinsame Merkmale

Bei einigen dieser Krankheitsbilder kann es neben dem asymmetrischen Großwuchs zu tumorartigen Verdickungen des Fett- oder Bindegewebes kommen. An der Haut sind streifenförmige Veränderungen (Oberhautverdickungen, Pigmentmale) und Gefäßzeichnungen möglich. Häufig, aber nicht immer, sind Fehlbildungen großer Gefäße ein weiteres Merkmal.

Insbesondere das verstärkte lokale Gewebewachstum oder die Gefäßfehlbildungen können im Laufe der Zeit zu Funktionsstörungen der befallenen Körperteile bzw. Organe führen. Eine frühzeitige Diagnose und sorgfältige Kontrolluntersuchungen sind wichtig, um etwaige Komplikationen rechtzeitig erkennen und medizinische Maßnahmen einleiten zu können. Eine Heilung gibt es nicht.

Das verstärkte Knochen- und Weichteilwachstum kommt mit der Pubertät meist zum Stehen.

Trotz genetischer Ursachen sind asymmetrische Großwuchs-Syndrome nicht erblich.

Seit kurzem weiß man: Es sind im Wesentlichen Veränderungen in zwei Genen, die für das Entstehen der asymmetrischen Großwuchs-Syndrome verantwortlich sind. Die Ursache des Proteus-Syndroms ist eine Mutation im Gen AKT1. Die meisten anderen asymmetrischen Großwuchssyndrome werden durch Mutationen im Gen PIK3CA hervorgerufen. Das besondere an den zugrunde liegenden genetischen Veränderungen ist, dass sie (anders als bei anderen genetischen Krankheiten) nie in allen Zellen des Körpers vorliegen (Mosaik-Erkrankung). Das kommt daher, dass die jeweiligen Mutationen erst nach der Befruchtung, offenbar in den ersten Wochen der Schwangerschaft, auftreten. Das erklärt auch, warum es keine Geschwisterfälle gibt.

Eine gewisse Ausnahme macht das SOLAMEN-Syndrom mit Mutationen im PTEN-Gen (siehe unter SOLAMEN-Syndrom).

Alle drei Gene (AKT1, PILK3CA und PTEN) gehören zu einem gemeinsamen Signalweg, der Zellwachstum und Zelldifferenzierung steuert. Das erklärt auch die Ähnlichkeit in der Merkmalsausprägung der asymmetrischen Großwuchs-Syndrome.

Derzeit bekannte Krankheitsbilder mit asymmetrischem Großwuchs

Proteus-Syndrom

Beim Proteus-Syndrom ist der regionale Großwuchs sehr massiv und die Proportionen zwischen einzelnen Körperteilen, z. B. zwischen einzelnen Fingern oder Zehen gehen verloren (disproportionierter Großwuchs). Die meisten Patienten mit Proteus-Syndrom werden ohne Großwuchs geboren und das lokale Gewebewachstum beginnt erst im Alter von sechs bis 18 Monaten. Das Syndrom hat einen vielgestaltigen (polymorphen, „proteanen“) Charakter. Jeder Mensch mit Proteus-Syndrom hat seine ganz eigene Merkmalskombination und Ausprägung.

  • Zur Geburt vorhanden: vaskuläre Malformationen (Gefäßfehlbildungen), epidermale Nävi (verdickte Oberhaut mit verstärkter Pigmentierung)
  • Der asymmetrische Großwuchs beginnt erst nach mehr als einem halben Jahr
  • Die typischen, aber nicht immer vorhandenen Bindegewebsverdickungen mit Bildung tiefer Furchen, die Gehirnwindungen gleichen (“cerebriforme“ Bindegewebsnävi), entwickeln sich langsam.
  • Das verstärkte Knochen- und Weichteilwachstum kommt mit der Pubertät meist zum Stehen.
  • Tumore (vor allem Ovarien, Hoden, Schilddrüse) sind primär gutartig, maligne Entartungen selten.
  • Ursache: AKT1-Mutation im Mosaik. „Im Mosaik“ heißt, dass die Mutation nur in betroffenen Zellen vorliegt, daneben gibt es Zellen ohne die Mutation).

Cohen (1979) und Wiedemann (1983) hatten die Eigenständigkeit des Krankheitsbildes erkannt. Wegen seiner Vielgestaltigkeit wurde es von Wiedemann nach dem griechischen Halbgott Proteus benannt, der seine äußere Erscheinung verändern konnte, um seinen Feinden zu entkommen.

andere asymmetrische Großwuchssyndrome

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